Jan Knopf
Literaturwissenschaftler

[Fotoporträt Jan Knopf]. Foto: Kirsten Bohlig 2008.
Prof.Dr. Jan Knopf, Literaturwissenschaftler. 2008

Ein Portrait in Bild und Wort

Ohne Jan Knopf gäbe es keinen Bertolt Brecht

... sagt einer seiner Kollegen über Jan Knopf

Matthias Kehle schreibt
(2008)

"Ohne Jan Knopf gäbe es keinen Bertolt Brecht." An dem Bonmot eines Kollegen des Karlsruher Literaturwissenschaftlers ist mehr als nur ein Körnchen Wahrheit, denn Knopf hat das heutige Brecht-Bild fast im Alleingang geschaffen. "Das falsche Bild entstand durch die ideologische Vereinnahmung Brechts", sagt Knopf, "dass man versuchte, ihn weltanschaulich festzulegen." Doch schon als 21-Jähriger habe der Dichter hierzu das Wesentliche gesagt: "Ich vergesse meine Ansichten immer wieder, kann mich nicht daran gewöhnen, sie auswendig zu lernen."

Zu Brecht und zu Hebel, einem zweiten Schwerpunkt seiner Forschungen, kam Jan Knopf eher durch Zufall: Das Thema Kalendergeschichten wollte während seines Studiums bei Adolf Muschg in Göttingen kein anderer Student behandeln. Aus der Proseminar-Arbeit folgte 1972 die Dissertation, und diese zog eine Reihe von Verlagsaufträgen nach sich. Kaum war der junge Literaturwissenschaftler 1973 an der Karlsruher Universität angestellt, erhielt er von Heinz-Ludwig Arnold die schlichte Aufforderung: "Du machst einen Brecht-Forschungsbericht." In der Fachpresse, ja sogar in der FAZ-Tiefdruckbeilage, wurde das Buch hoch gelobt, weitere Aufträge folgten: "Sie machen das Brecht-Handbuch", lautete der nächste. "Weil die Aufträge von Außen kamen, hatte ich immer Distanz zu Brecht, ich habe nie ein intimes Verhältnis zum Autor gehabt" - weitere Handbücher , Interpretationen und Kommentare folgten zahlreich.

[Foto] Foto: Kirsten Bohlig
Jan Knopf in der Arbeitsstelle Bertolt Brecht. August 2008

Wer sich mit Brecht beschäftigt, hat stets auch mit Weltgeschichte, Weltpolitik und Weltliteratur zu tun, hat sich der Autor doch seine Themen von der Zeit vorgeben lassen. Und weil Knopf auf immer mehr Fehler, Ungereimtheiten und Fälschungen in der Brecht-Forschung stieß, hieß es akribisch jede der 200.000 Seiten der Typoskripte und Handschriften zu studieren. "Ich hatte meist nur eine wissenschaftliche Hilfskraft, und so hatte ich jedes Blatt selbst in der Hand." Knopf erinnert sich, wie er im Brecht-Archiv zusammen mit seiner Frau teilweise die Kratzspuren des Füllers nachverfolgen musste, weil auf dem schlechten Papier nurmehr Tintenkleckse erkennbar waren. Knopfs Kollege Werner Hecht, Fachmann aus der damaligen DDR, lud den "Klassenfeind" ab 1983 zu Tagungen ein, seit 1985 verbrachte Knopf Wochen im Brecht-Archiv. Aus der gemeinsamen Arbeit entstand über viele Jahre die 33-bändige Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. "Nebenbei habe ich DDR-Schriftsteller wie Heiner Müller und Volker Braun kennen gelernt." Und beobachten können, wie "der Laden drüben langsam zusammen kracht."

Dass Knopf den Autor vom Kopf auf die Füße stellte, von der ideologischen Verbrämung auf die Wirklichkeit des vorhandenen Textes, wurde ihm von vielen Seiten übel genommen, vor allem von konservativen und ultralinken Germanisten. "Wir müssen im 21. Jahrhundert lernen, Brecht neu zu lesen", sagt Knopf, "ich habe dazu mit meinen Mitarbeitern nur die notwendige Vorarbeit geleistet." Der streitbare Wissenschaftler, seit 1989 Leiter der eigens für seine Arbeit eingerichteten "Arbeitsstelle Bertolt Brecht", hat die höchsten akademischen Weihen in Deutschland nie erhalten, ist dafür aber international renommiert, ja legendär. 1990 war er als einer der ersten westlichen Wissenschaftler nach China eingeladen, Raubdrucke seiner Bücher kursierten in Korea, einer seiner engsten Freunde hat dort gar ein Brechtzentrum gegründet - um nur zwei Beispiele zu nennen.

Doch Brecht ist nicht alles in Jan Knopfs Leben. Er erinnert sich lebhaft, wie Friedrich Dürrenmatt ihn für ein sattes Salair als Hofberichterstatter engagieren wollte. "Ich sollte verkünden, was er für richtig fand." Nach einer durchzechten Nacht und lautstarken Diskussionen warf Dürrenmatt den Philologen aus seinem Haus. Derzeit arbeitet Knopf zusammen mit Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Franz Littmann an einer Gesamtausgabe des Werkes von Johann Peter Hebel, der ersten seit 1832. Auch das Hebel-Bild musste von vielen Vorurteilen befreit werden. "Heidegger hat es vor allem verbrochen, ihn auf eine heimattümliche Schwarzwaldscholle zu heben", polemisiert Knopf im Gespräch. Den "Preis der Literavision" brachte ihm ein Film über Brecht ein, den er zusammen mit dem Filmemacher Joachim Lang drehte. Selbst die Juroren seien überrascht gewesen, wie sehr Brecht Künstler und wie wenig er Politiker war, merkt Knopf an. Theatergespräche im Badischen Staatstheater, Kabarettprogramme, unter anderem mit Gunzi Heil, Ausstellungen, Regiearbeiten - die Liste der Aktivitäten von Jan Knopf in seiner Wahlheimat Karlsruhe ist lang. Nicht zu vergessen sind seine vergnüglichen Vorlesungen und Seminare, in die gelegentlich sogar lebende Dichter eingeladen werden. Zwei Semester darf Knopf noch an der Karlsruher Uni lehren, "dann schlägt das Gesetz zu und ich muss in Pension", lacht er. Die Arbeitsstelle Bertolt Brecht wird ihm erhalten bleiben, zu viele hochkarätige Projekte hat der immer noch schalkhaft-jugendlich wirkende Literaturprofessor noch in Planung.

Text: Matthias Kehle, 2008.

Weitere Informationen

Zu den größten Projekten, die die ABB seit ihrer Gründung realisiert hat, gehört zweifellos die Herausgabe der "Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Brechts in 30 Bänden", die Veröffentlichung des "Brecht Handbuchs" in fünf Bänden und die Gründungen zweiter Nachfolge-Institutionen in Japan und Südkorea. Grund genug also, das 20-jährige Brecht-Jubiläum in würdigem Rahmen zu feiern. Vom 24.April bis zum 24.Mai 2009 fand die Ausstellung "Glotzt nicht so romantisch!" im Karlsruher Prinz-Max-Palais statt. Die Ausstellung gibt Einblicke in den Werdegang der ABB und ihre Arbeit am Werk Bertolt Brechts.

"Glotzt nicht so romantisch!" – Ausstellung zum 20-jährigen Bestehen der Arbeitstelle Bertolt Brecht.
Prinz-Max-Palais in Karlsruhe, Karlstraße 10.
Website zur Ausstellung.