Gerd Nollmann, Soziologe
Wenn in Rom entschieden werden muss, ob es ein Fegefeuer gibt, ist das ein organisatorischer Akt...
Gerd Nollmann
Ein Portrait in Bild und Wort
Matthias Kehle schreibt:
(2008)
Wer früher Soziologie studierte, wurde mitunter belächelt, heute sind die Absolventen im Berufsleben begehrt. Dass das so ist, liegt an der zunehmend empirischen Ausrichtung des Faches und an Wissenschaftlern wie Gerd Nollmann, dem neuen Lehrstuhlinhaber des Faches Soziologie an der Karlsruher Universität. "Mich interessiert unter anderem die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, privaten Haushalten und Sozialstaat oder die langfristigen Konsequenzen von Armut", sagt der Vierzigjährige und kommt sogleich auf Hartz IV und die Folgen zu sprechen. "Die Verschärfung der Zumutsbarkeitsregeln für Arbeitslose geht auf Empfehlungen von Sozialwissenschaftlern zurück und nicht etwa von Wirtschaftsverbänden", korrigiert er so manches Vorurteil. Zwar sieht er die eindeutigen Erfolge, kritisiert aber undogmatisch, dass man in Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Ländern doch zu weit gegangen sei und plädiert daher etwa für die Einführung einer negativen Einkommenssteuer oder Mindestlöhnen. "Die statistische Beweislage im Vergleich zu anderen Ländern ist zwar nicht eindeutig, aber ich persönlich denke, dass dadurch der Anreiz bestimmte Jobs anzunehmen erhöht wird und die Arbeitslosigkeit nicht steigt."
Geboren wurde Gerd Nollmann 1967 in Westfalen. Er studierte Sozialwissenschaften, Philosophie, Geschichte und Englisch in Münster, nachdem er im übrigen eine Banklehre abgeschlossen hatte. "Das war zwar lehrreich, aber meine Liebe galt schon von klein auf dem Blick auf die Gesellschaft." Promoviert hat Nollmann in Münster bei Rolf Eickelpasch, danach war er bei verschiedenen renommierten Wissenschaftsverlagen unter anderem als Programmleiter tätig.
Die Soziologie ist ein weites Feld, "man hat die Freiheit, alles mögliche zu erforschen", sagt Nollmann, und so hat er so unterschiedliche Interessen wie die Gewerkschaften oder die Religion. "Weshalb tun sich die Großkirchen in Europa so schwer?", fragt er beispielsweise und verweist auf Niklas Luhmann: "Formale Organisation verträgt sich schwer mit Religiosität, oder konkret: Wenn in Rom entschieden werden muss, ob es ein Fegefeuer gibt, ist das ein organisatorischer Akt. Man muss es glauben, es kann nicht einfach entschieden werden." Religionsökonomen, fügt er hinzu, "sagen, es herrsche zu wenig Markt bei der Befriedigung religiöser Bedürfnisse."
Im Jahr 2005 habilitierte sich Nollmann in Duisburg zu der Frage, wie Menschen soziale Ungleichheit wahrnehmen und welche Folgen das in den Lebensläufen hat. "Der Vertrauen in die Leistungsgesellschaft ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, je nach Alter und Bildungsgrad." Wenn man jung und gut gebildet sei, glaube man eher, durch eigene Leistung aufsteigen zu können. Bildungsferne Milieus glaubten eher an "Schicksal", was an die Kinder weitervererbt werde: "Wer nicht meint, es aus eigener Kraft zu schaffen, vermittelt das auch seinen Kindern, weshalb sich soziale Unterschiede reproduzieren."
Nollmann befürwortet die zunehmende Nachfrage sozialwissenschaftlicher Fakten von Seiten der Politik und plädiert für starke Gewerkschaften, deren Mitgliederzahlen leider sinken, "da Frauen und höhere Bildungsschichten traditionell gewerkschaftsfern sind, diese aber immer größeren Anteil am Arbeitsmarkt haben." Nollmann selbst ist Mitglied im Hochschullehrerverband und der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. "Wenn man schaut, bei welchen Berufen das Einkommen vergleichsweise höher ist, dann sind das jene mit starkem Organisationsgrad."
Seit 1. Februar [2008, Anm. K.B.] leitet Gerd Nollmann das mit 45 Jahren älteste Institut der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften und folgt damit Bernhard Schäfers nach. Die traditionell empirisch-statistische Ausrichtung der Forschung in dem kleinen, aber drittmittelstarken Institut, das nur einen Nebenfachstudiengang anbieten kann, wird Nollmann wohl fortsetzen. Der Wechsel von Westfalen nach Baden ist Nollmann übrigens nicht schwer gefallen, er schätzt vor allem das wärmere Klima, was seinen Hobbies Joggen, Tennis und Golf sehr entgegenkommt.
Text: Matthias Kehle
